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Brummen und Säuseln
Wieviel Sexappeal haben Frauen- und Männerstimmen?

So manche Frau ist schon beim Klang einer tiefen, sonoren Männerstimme schwach geworden. Männer lassen sich von zartem Mädchengeflüster umgarnen und so manches Zugeständnis entreißen. Warum können Stimmen uns verführen?

Nehmen Sie Stimmen unbekannter Kinder auf Band auf und versuchen Sie zu erkennen, ob da gerade ein Junge oder ein Mädchen spricht. Sie werden so oft daneben tippen, dass sie auch einfach hätten raten können. Mit der Pubertät wird alles anders. Die Jungs kommen in den Stimmbruch. Unter dem Einfluss von Testosteron vergrößern sich Kehlkopf und Stimmlippen, ihre Tonlage rutscht um etwa eine Oktave tiefer.

Das Erstaunlichste: Kein anderes Tier durchläuft so eine Wandlung. Einen Stimmbruch gibt es nur beim (männlichen) Menschen. Ob Löwe oder Affe – bei allen andere Säugetieren erklingen männliche und weibliche Stimmen in der gleichen Tonlage. Frauen der Urmenschen haben offenbar tiefere Männerstimmen derart bevorzugt, dass alle Männer, die keinen Stimmbruch durchliefen, keine Partnerin fanden, keinen Nachwuchs zeugten und deshalb ausgestorben sind.

Die Gründe für die Entstehung dieser weiblichen Vorliebe sind nicht sicher. Aber aus der Physik wissen wir, dass tiefe Töne eine größere Reichweite haben. Das kennt jeder, der sich schon einmal über Partylärm aus der Nachbarwohnung geärgert hat. Nur das Bassgedröhn der Stereoanlage dringt durch die Wände, während sie die höheren Töne von der Mauer verschluckt werden.

Gingen in Urzeiten die Männer auf die Jagd, verteilten sie sich im Gelände, um die Beute einzukreisen. Sie verständigten sich im Dickicht durch Rufe. Vor allem bei Dunkelheit und schlechter Sicht die einzige Möglichkeit der Verständigung. Und wer da wegen seiner tiefen Stimme über weite Entfernung zu hören war, behielt den Kontakt zur Gruppe und war damit ein erfolgreicher Jäger. Das steigerte seinen Sex-Appeal. Seither besitzen beide Geschlechter eine unterschiedliche Stimmlage und können einander allein an der Tonhöhe erkennen.

Bereits in früheren Beiträgen unserer Serie haben wir beschrieben, dass ausgeprägt männliche bzw. weibliche Merkmale den Sex-Appeal steigern. Das gilt auch für die Stimme. Das konnte kürzlich der Amerikaner Gordon Gallup von der Universität von Albany nachweisen. Mit seinen Kollegen machte er von 150 Personen Stimmaufzeichnungen und erhob Daten über ihre Körpermerkmale und ihr Sexualleben. Eine statistische Analyse dieser Daten ergab ein überraschend eindeutiges Ergebnis.

Männer und Frauen, deren Stimmen als besonders attraktiv eingeschätzt wurden, hatten auch das aufregendere Sexualleben. Sie hatten früher und häufiger als andere sexuelle Kontakte, die Zahl ihrer Affären war höher als im Durchschnitt. Eine weitere Überraschung: Frauen mit verführerischer Stimme erzielten besonders viele Pluspunkte. Ihre Stimme erhöhte ihre Attraktivität stärker als beispielsweise das Verhältnis von Taille zu Hüftumfang. Letzteres wird seit langem als das Maß für die ideale Figur betrachtet. Misst die Taille 70 Prozent des Hüftumfangs, wirkt eine Frau auf Männer besonders attraktiv. Doch eine sexy Stimme kann diesen Effekt offenbar noch toppen.

Bei Männern war die Wirkung der Stimme auf ihre Attraktivität nicht so stark. Breite Schultern und schmale Taille erhöhten in Gallups Studie den männlichen Sex-Appeal etwas stärker als seine Stimme. In der Regel verstärken jedoch Aussehen und Stimme einander. Frauen mit verführerischen Stimmen hatten auch die schmaleren Taillen, Männer mit den männlich-sonorem Vibrato besaßen die breiteren Schultern.

Das ist nicht verwunderlich. In der Pubertät des Mannes treibt der plötzliche Testosteronschub nicht nur die Stimme in die Tiefe, sondern fördert auch die Entwicklung der Muskulatur. Sowohl die Stimme als auch die Körperformen werden von den Geschlechtshormonen beeinflusst.

Ausnahmen sind selten, aber aufschlussreich. Vielleicht haben Sie sich schon einmal aufgrund einer Stimme am Telefon ein Bild von Ihrem Gesprächspartner gebildet. Sie hörten einen tiefen, vollen Bass und stellten sich einen breitschultrigen Riesen mit mächtigem Brustkorb vor. Dann trafen Sie ihn das erste Mal leibhaftig, und vor ihnen stand ein kleines, schmächtiges Kerlchen. Hatten Sie Mühe, Ihre Überraschung zu verbergen? Gerade Ihr Erstaunen beweist, dass ein solches Missverhältnis von Sprachklang und Körperbau eine Ausnahme darstellt. In der Regel hält das Aussehen, was die Stimme verspricht. Ist die Stimme sexy, ist es meist auch die ganze Person.

Dezember 2004 © by www.berlinx.de

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