Es waren keineswegs lüsterne
Sultane, die den orientalischen Tanz erfunden haben.
Historiker glauben schon in manchen prähistorischen
Felsmalereien und Skulpturen Tanzhaltungen zu
entdecken, die noch heute im Bauchtanz zu finden
sind. Die ausgeprägten Hüft- und Bauchschwenks
waren demnach überall zwischen Indien und Spanien
verbreitet. Man vermutet, daß diese ausladenden
Bewegungen Teil von Fruchtbarkeitskulten waren.
Zugleich dienten sie aber den Frauen, ihre
Körperempfindungen auszudrücken. Der Bauchtanz
unterstützt ein selbstbewußtes, harmonisches
Einssein mit sich selbst.
In geschichtlicher Zeit lassen sich
seine Quellen bis zum alten Ägypten
zurückverfolgen. Auch heute ist er dort noch am
perfektesten ausgebildet und zwar nicht nur in
Nachtklubs, sondern in durchschnittlichen Familien,
in denen die Frauen seit Jahrtausenden ausgelassen
tanzen. Auch Männer tanzen mit: die typischen Bauch-
und Hüftbewegungen bleiben aber den Frauen als
Ausdrucksform ihrer Weiblichkeit vorgehalten.
Im Westen erwachte das Interesse am
orientalischen Tanz zuerst in den USA, und zwar in
den sechziger Jahren. Bei uns dachte man anfangs an
eine kurzfristige Modeerscheinung, als Ende der
siebziger, Anfang der achtziger Jahre die ersten
Kurse für Bauchtanz in Mitteleuropa angeboten
wurden. Inzwischen hat sich dieser orientalische Tanz
als fester Bestandteil von Volkshochschulkursen und
anderen Weiterbildungsinstitutionen etabliert. Seinen
Anhängerinnen geht es weniger darum, mit
schlangenartigen Bewegungen ihre müden Ehemänner zu
verführen, als um den Nutzen für den eigenen
Körper und Geist. Denn kaum ein Bewegungsprogramm
wird so vielen Ansprüchen gerecht wie der Bauchtanz.
Sieht man von dem exotischen Flair
ab, handelt es sich um ein perfektes, Harmonie
schulendes Ganzkörpertraining. Statt langweiliger
Wiederholung immer gleicher schweißtreibender
Bewegungsabläufe, wie es bei fast allen Gymnastik-
und Sportformen der Fall ist, bietet der Bauchtanz
ein abwechslungsreiches Training, das Ästhetik und
Körperbeherrschung vereint und sich auf für mollige
Frauen eignet. Wer nicht mehr so agil ist wie
früher, führt die tänzerischen Figuren eben etwas
langsamer aus. Der Bauchtanz übt zwar auch Muskeln
und Ausdauer und läßt Pfunde schmelzen wie andere
Fitnessübungen, aber zusätzlich gewinnt die
Tänzerin an Haltung, Gelenkigkeit und Anmut.
Der gesundheitliche Nutzen ist
unbestritten. Längst wird er bei der
Geburtsvorbereitung, aber auch zur Auflösung
tiefsitzender Verspannungen, etwa bei hartnäckigen
Rückenschmerzen eingesetzt.
Das Training vereint Stretching-
und Tanzfiguren. Kernstück ist das Erlernen des
voneinander unabhängigen Drehens von Oberkörper und
Hüftbereich.
Das Beckenkreisen beginnt man mit
dem Einziehen des Bauchs unterhalb des Nabels.
Dadurch rutscht das Becken darunter ein Stück nach
vorn. Die künftige Tänzerin bewegt nun Becken im
leicht ausladenden Halbkreis nach hinten. Diese
Tanzfigur heißt kleiner Beckenkreis oder Mondkreis.
Parallel wird die Kegelbewegung des
Oberkörpers geübt. Dabei wird der obere Rumpf im
Kreis um das Becken gedreht, das solange stabil in
der Grundstellung gehalten wird.
Später kombiniert die Tänzerin
beide Bewegungen. Während das Becken nach vorn
rutscht, weicht der Oberkörper nach hinten aus. Nun
beginnen die Drehbewegungen, beide Körperteile
drehen sich in dieselbe Richtung. Diese Tanzfigur
heißt großer Beckenkreis oder Sonnenkreis. Wetten,
daß nach einigen Wochen Üben Verstopfung und
ähnliche Sorgen für immer der Vergangenheit
angehören?
Eine Reihe weiterer
Körperdrehungen Arme, Füße, Kopf,
Schultern, Absenken der Hüfte werden mit dem
Sonnenkreis kombiniert. Daraus entsteht das, was wir
alle aus Filmen, die im Orient spielen, als Bauchtanz
kennen.
Wenn jetzt noch typisch arabische
Musik hinzukommt Anfängerinnen sollten
zunächst langsame Stücke wählen brauchen
Sie sich nur noch von dem Klängen und dem Rhythmus
mitreißen zu lassen und aus den antrainierten
Drehungen wird ein harmonisches Bewegungsspiel.
Die wichtigsten Instrumente einer
arabischen "Band" sind:
- die Flöte (nay), sie
produziert Klänge der Sehnsucht und
Einsamkeit, wiedergegeben durch langsame,
runde Tanzfiguren,
- die Zitter (qanun), sie
produziert Klänge wie fließende Bäche.
Zarte, individuell variierte Hüftwegungen
passen zu diesen Tonfolgen,
- die fünfsaitige Laute
(al-oud) drückt die Empfindungen der Seele
aus, ausgedrückt in Variationen des
Tanzstils von temeramentvoll bis sanft.
Literatur: Ulaya Gadalla:
Bauchtanz. Gymnastik für Anmut und Schönheit.
Falken Verlag, Niedernhausen/Ts. 1995, DM 19,90.
