1928 beobachtete der Arzt
Paul Fleming, daß eine dem Schimmelpilz Penicillium notatum
entnommene Substanz gegen bakterielle Krankheitskeime in
zweifacher Weise wirkt: Es tötet Bakterien, die sich in
der Wachstumsphase befinden und hindert Bakterien, die sich
im Ruhezustand befinden (Sporen) am Wachstum. In den Folgejahren
entwickelten Forscher daraus ein Allzweckmedikament, das
Penicillin, das vielen bis dahin tödliche Geißeln der Menschheit
für alle Zeit den Garaus machte.
Für alle Zeit? Unter Bakterien kommen - wie unter allen
Lebewesen - gelegentlich spontane Genmutationen vor.
Darunter auch solche, die dem Gift des Schimmelpilzes widerstanden.
Während ihre Artgenossen starben, vermehrten sie sich munter
weiter. Mit dem Ergebnis, daß der Kranke trotz Penicillin
starb.
Die Pharmabranche wich zunächst auf andere Substanzen aus.
Immer neue Antibiotika kamen auf den Markt. Es begann ein
Wettlauf gegen die Zeit. Es bildeten sich Bakterienstämme,
die gegen immer mehr Substanzen immun wurden. Vor zwei Jahren
schlug eine Arbeitsgruppe der Bundesregierung Alarm. Besonders
stark waren Resistenzen unter den Erregern der sogenannten
Krankenhausinfektionen verbreitet. Trotz strenger Hygienevorschriften
infizieren sich zehntausende Kranke in Hospitälern untereinander
mit Keimen des Bakteriums Staphylococcus aureus,
der unter anderem Wundinfektionen, Herzerkrankungen, Lungenentzündung
und Lebensmittelvergiftung auslöst. Da in Krankenhäusern
viel mit Antibiotika therapiert wird, sind dort resistente
Bakterien weit verbreitet.
Bis heute behelfen sich Ärzte mit den letzten noch wirksamen
Antibiotika, die aber zum Teil erhebliche Nebenwirkungen
mit sich bringen. Wenn alle Mittel versagten, blieb bisher
noch ein Medikament: das Vancomycin. Im Sommer fanden amerikanische
Ärzte nun erstmals einen 40jährigen Patienten, der sich
mit dem Krankenhauskeim Staphylococcus aureus infiziert
hatte und bei dem dieses letzte Antibiotikum versagte. Der
Patient hatte Glück. Seine Ärzte konnten ihm mit einem alten
Anbiotikum helfen, gegen den der bei ihm gefundene Bakterienstamm
zufällig nicht resistent war.
Doch nun ist klar: in den kommenden Jahren wird die Zahl
der Patienten wachsen, die wie ihre Urgroßeltern durch Erreger
von Diphtherie, Typhus, Tripper, Tuberkulose, aber auch
durch Salmonellen in Lebensgefahr geraten, weil ihnen keines
der modernen Mittel mehr helfen kann. Tuberkulose gilt als
besonders gefährlich, da die Gefahr besteht, daß resistente
Stämme aus Russland eingeschleppt werden, einem Land, wo
die Seuche millionenfach auftritt und Antibiotika nach dem
Gießkannenprinzip eingesetzt werden.
Resistenzen sind kein unabwendbares Schicksal. Inzwischen
gibt es Daten, daß diese gefährlichen Bakterienstämme wieder
verschwinden, wenn sie gegenüber ihren harmloseren Artgenossen
keinen Überlebensvorteil mehr besitzen - sprich: Antibiotika
die harmlose Varianten nicht zugunsten der gefährlichen
ausrotten. Dafür muß auf den Antibiotikaeinsatz nicht vollständig
verzichtet werden. Es genügt, einige Regeln strickt zu beachten:
·
Antibiotika nur gegen bakterielle Krankheiten einsetzen.
Noch immer werden Antibiotika gegen Viren und Pilzinfektionen
verordnet (Schnupfen, Grippe, Schleimhautinfektionen).
·
Antibiotika nicht bei harmlosen Erkältungen, sondern nur
gegen wirklich bedrohliche Erkrankungen einsetzen. Einfache
Erkältungen lieber mit Hausmitteln (Wickel, Schwitzen, Gurgeln)
oder mit wirksamen Naturpräparaten (Kartoffelextrakten,
Oregano-Öl, vitaminreiche Kost) bekämpfen.
·
Eine Antibiotikabehandlung, wenn sie denn durchgeführt wird,
auch konsequent bis zur Ausrottung des letzten Krankheitskeim
durchhalten. Wegen der Kosten oder Nebenwirkungen brechen
Patienten die Einnahme oft zu früh ab. Ergebnis: Es bleiben
Bakterien übrig, unter ihnen einige resistente Individuen,,
die sich weiter verbreiten.
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